Markenstrategie

Teil von Corporate Language: Vom Sprachleitfaden zur gelebten Unternehmenssprache

Tonalität im B2B anhand von Schreibanlässen festlegen

Tonalität im B2B festlegen: konkrete Schreibanlässe, Tonstufen, Vorlagen, Prüfliste und Zeitaufwand in Stunden, belegt mit Bitkom, BVDW und DIHK.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Jeder Schreibanlass bekommt eine eigene Tonstufe, statt einer einzigen Hausstimme.
  • Vier Stellschrauben dosieren die Nähe: Anrede, Wir-Form, Bewertungsadjektive, Satzbau.
  • Prüfkriterien stehen vor dem ersten Entwurf fest und werden schriftlich hinterlegt.
  • Vorlagen sparen Schreibzeit, kosten aber einmalig Abstimmung.
  • Belege liefern Bitkom e.V., BVDW und DIHK.

Warum der Schreibanlass die Tonstufe vorgibt

Wer zuerst über den Klang einer Zeile streitet, verliert Zeit. Wer zuerst die Funktion des Textes klärt, hat die Grenzen gezogen. Ein Angebot soll überzeugen und belastbar bleiben. Eine Reklamation rügt einen Mangel und wahrt eine Frist. Beides verträgt keine flapsige Formulierung.

Der Zweck legt fest, welche Mittel zulässig sind. Ein Superlativ kann in einer Messe-Einladung tragen und in einer Änderungsmitteilung schaden. Die Zuordnung von Anlass und Ton ist eine redaktionelle Setzung, keine gesetzliche Vorgabe. Sie gehört in den Sprachleitfaden und sollte für alle Beteiligten sichtbar sein.

Der Bitkom e.V. bündelt in seiner Mediathek Studien und Leitfäden zu Marketing und Kommunikation, die als Ausgangspunkt für einen eigenen Leitfaden taugen.

Die Anlass-Matrix mit fünf Standardfällen

Die Matrix hat vier Spalten: Anlass, Funktion, Tonstufe und Prüfkriterium. Die fünf folgenden Zeilen sind Standardfälle im B2B. Sonderfälle werden ergänzt, nicht umgeschrieben.

Anlass Funktion Tonstufe Prüfkriterium
Angebot überzeugen und binden sachlich, Sie-Anrede Zahlen, Fristen und Leistungsumfang stimmen mit dem Angebotstext
Reklamation Mangel rügen, Frist wahren formell, keine Beschwichtigung keine Schuldzuweisung, Antworttermin genannt
Newsletter informieren und binden sachlich, ein bis zwei Adjektive Nutzen, Absender und Abmeldelink vorhanden
Produktbeschreibung erklären und vergleichen neutral, mit Beleg technische Angabe mit Datenblatt belegt
Social Media aktivieren und zuhören locker, aber nicht flapsig Antwort innerhalb eines Arbeitstags

Fünf Anlässe decken den Alltag weitgehend ab. Jede Zeile braucht einen Prüfer, der nicht der Verfasser ist. Wer den Anlass falsch einordnet, korrigiert später den ganzen Text.

Mahnung, Gewährleistung und Lieferverzug kommen in die Matrix, sobald sie im Alltag vorkommen. Sie übernehmen die Tonstufe des nächstliegenden Standardfalls.

Tonstufen benennen und zuordnen

Drei Tonstufen genügen für den Anfang: formell, sachlich und aktivierend. Formell gilt für Reklamation, Mahnung und Lieferverzug. Sachlich gilt für Newsletter und Produktbeschreibung. Aktivierend gilt für Social Media und Messe-Einladungen. Wer mehr Stufen braucht, benennt sie nach demselben Muster.

Die Stufen sind keine Rangfolge. Aktivierend ist nicht besser als formell. Entscheidend ist, dass die Stufe zu Anlass und Beziehung passt. Ein Bestandskunde, der eine Reklamation schreibt, erwartet keine Werbesprache.

Beispiel für den Wechsel: Im Angebot steht "Wir liefern am 14. Mai." In der Social-Media-Fassung genügt "Ab 14. Mai verfügbar." Beide Sätze sagen dasselbe, die zweite Fassung überlässt die Bewertung dem Leser.

Wer die Textarbeit auslagert, sollte Tonstufen und Prüfkriterien im Briefing mitliefern. Einordnungen zur Agenturbranche sammelt der BVDW in seinen Beiträgen zu Digitalagenturen.

Vorlagen aufbauen und Abstimmung beenden

Eine Vorlage braucht sechs Felder: Anlass, Funktion, Tonstufe, Anrede, Prüfkriterium und Freigabe. Das Freigabefeld nennt Rolle und Vertretung. Ohne dieses Feld bleibt die Verantwortung unklar.

Für Produktbeschreibungen gilt eine Zusatzregel: Jede technische Angabe braucht eine Quelle im Datenblatt. Die Regelwerke des tekom e.V. zur Technischen Dokumentation helfen bei Aufbau und Vollständigkeit, sie legen aber keine Tonstufe fest.

Diskussionen über den Ton entstehen meist ohne gemeinsame Bezugsgröße. Die Matrix beendet sie, weil jede Zeile eine überprüfbare Aussage enthält. Wer abweichen will, ändert den Anlass, nicht die Formulierung. Ausnahmen werden mit Grund und Geltungsdauer dokumentiert.

Beispielrechnung: Zeitaufwand bis zur ersten Fassung

Die folgenden Werte sind Annahmen für die Planung, keine Messwerte. Beispielrechnung für ein Unternehmen mit fünf Schreibanlässen und zwei Redakteuren:

  1. Kickoff mit Fachbereich und Redaktion: zwei Stunden
  2. Matrix ausfüllen und Tonstufen festlegen: drei Stunden
  3. Vorlagen für fünf Anlässe schreiben: sechs Stunden
  4. Prüfliste und Freigabefeld anlegen: zwei Stunden
  5. Einweisung und erste Prüfrunde: drei Stunden

Summe: 16 Stunden bis zur ersten Fassung. Für die laufende Prüfung ist eine Viertelstunde je Text veranschlagt, ebenfalls als Annahme.

Prüfliste vor der Freigabe

Der letzte Durchgang prüft Zahlen, Fristen und Belege. Formulierungen zu Gewährleistung und Lieferverzug berühren rechtliche Fragen, die der DIHK in seinen Themenfeldern bündelt.

  • Stimmen Beträge, Daten und Laufzeiten mit dem Ausgangsdokument?
  • Ist die Wirkung auf den Empfänger in einem Satz benannt?
  • Enthält der Text eine Wertung ohne Beleg?
  • Ist ein nächster Schritt oder eine Antwortfrist genannt?
  • Ist die Ansprechperson mit Rolle benannt?

Häufige Fragen

Gilt die Matrix auch für kurze E-Mails?

Ja. Auch eine kurze Nachricht hat einen Anlass. Bei kurzen Texten genügen Funktion und eine Näheregel.

Wer legt die Tonstufe fest?

Im Regelfall die Redaktion gemeinsam mit der fachlich verantwortlichen Stelle. Die Matrix liefert den Rahmen, nicht die Entscheidung.

Was gilt bei einem Konflikt zwischen Funktion und Nähe?

Die Funktion hat Vorrang. Ein informierender Text bleibt informierend, auch wenn eine persönlichere Anrede möglich wäre.

Wie viele Tonstufen sind sinnvoll?

Drei bis fünf reichen. Mehr Stufen lassen sich im Alltag schwer auseinanderhalten.

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