Markenstrategie

Corporate Language: Vom Sprachleitfaden zur gelebten Unternehmenssprache

Corporate Language aufbauen: Sprachleitfaden, Tonalität, Redaktionsprozess, Terminologiedatenbank, Rollen, Kosten mit MwSt. und Verankerung im Unternehmen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Corporate Language umfasst Tonalität, Terminologie und redaktionelle Regeln. Fehlt die Terminologie, bleibt jede Tonalität beliebig.
  • Ein Sprachleitfaden hat 20 bis 40 Seiten. Mehr wird nicht gelesen, weniger lässt zu viele Fragen offen.
  • Vier Rollen tragen das System: Language Owner, Terminologie-Manager, Redaktionsleitung und Lektor.
  • Styleguide und Terminologiedatenbank sind getrennte Werkzeuge mit unterschiedlichen Pflegezyklen.
  • Die Einführung kostet im ersten Jahr fünfstellig. Die Beispielrechnung unten ergibt 43.078 Euro inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer.

Corporate Language: Definition und Abgrenzung

Corporate Language ist die Summe der sprachlichen Regeln, die festlegen, wie ein Unternehmen schreibt und spricht. Sie umfasst Tonalität, Wortschatz, Anrede, Satzbau und Kanalregeln. Der Sprachleitfaden ist ihre schriftliche Form, nicht ihr Zweck.

Der Begriff grenzt sich von drei Nachbarbegriffen ab. Corporate Wording meint nur die Wortwahl. Tone of Voice meint nur die Haltung. Terminologie meint nur die Fachbegriffe und ihre Definitionen. Corporate Language bündelt diese Ebenen und ergänzt den Prozess, der sie durchsetzt.

Wer nur einen Leitfaden schreibt, besitzt ein Dokument. Wer zusätzlich einen Eigentümer, ein Werkzeug und einen Reviewzyklus benennt, betreibt ein System. Der Unterschied zeigt sich nach sechs Monaten: Das Dokument veraltet, das System lernt.

Zwei Normen setzen den terminologischen Rahmen. Die DIN 2330 regelt Begriffe und Benennungen, die DIN 2342 definiert die Grundbegriffe der Terminologielehre. Beide betreffen den Aufbau einer Datenbank, nicht den Ton eines Textes.

Für Orthografie ist der Rat für deutsche Rechtschreibung die maßgebliche Instanz. Sein Regelwerk ist für Schulen und Behörden verbindlich, Unternehmen nutzen es als Referenz. Die 2018 veröffentlichten Empfehlungen zur geschlechtergerechten Schreibung greifen viele Sprachleitfäden auf.

Für Technische Kommunikation liefert die tekom e.V. mit ihrer Leitlinie Regelbasiertes Schreiben ein Vorbild: kurze Sätze, klare Satzglieder, ein Begriff je Sache. Solche Regelwerke lassen sich auf Marketingtexte übertragen, wenn die Satzlängen angepasst werden. Bitkom e.V. bündelt in seiner Mediathek Studien und Leitfäden zu Marketing, Kommunikation und digitaler Markenführung.

Aufbau eines Sprachleitfadens: fünf Bausteine

Ein brauchbarer Leitfaden folgt der Reihenfolge Positionierung, Tonalität, Terminologie, Redaktionsregeln, Prozess. Wer mit Verboten beginnt, verliert die Fachabteilungen im ersten Workshop. Der Umfang verteilt sich typischerweise so:

Baustein Inhalt Umfang
Positionierung Markenwerte, Zielgruppen, Sprachprinzipien 2 bis 4 Seiten
Tonalität Dimensionen, Skalen, Dos and Don'ts, Beispiele 4 bis 8 Seiten
Terminologie Vorzugsbenennungen, gesperrte Begriffe, Abkürzungen 5 bis 15 Seiten
Redaktionsregeln Satzlänge, Aktivquote, Anrede, Zahlen, Datum 4 bis 10 Seiten
Prozess Rollen, Freigaben, Werkzeuge, Reviewzyklus 2 bis 4 Seiten

Die Positionierung übersetzt Markenwerte in Sprachprinzipien. "Wir sind nahbar" ist kein Prinzip. "Wir schreiben in der Sie-Form und vermeiden Konjunktive" ist eines, weil es prüfbar ist.

Die Tonalität beschreibt Haltungen auf Skalen, nicht in Adjektivlisten. Vier Dimensionen genügen für die meisten Unternehmen. Beispiele und Gegenbeispiele machen die Vorgabe anwendbar.

Die Terminologie listet Vorzugsbenennungen, gesperrte Begriffe und Abkürzungen. Ein Startset von 200 bis 500 Einträgen reicht, wenn es nach Häufigkeit, Risiko und Übersetzungsbedarf priorisiert ist.

Die Redaktionsregeln bleiben knapp. 20 bis 40 Muss-Regeln werden eingehalten, 150 Regeln nicht. Alles Übrige gehört als Empfehlung in einen Anhang.

Der Prozess benennt Rollen, Freigabestufen und Werkzeuge. Ohne diesen Teil bleibt der Leitfaden eine Sammlung guter Vorsätze.

Fünf Schritte von der Analyse zum Rollout

  1. Textaudit: 30 bis 50 Texte aus Website, HR, Vertrieb und Technik sammeln und nach Satzlänge, Anrede und Wortwahl auswerten.
  2. Zielbild: vier Tonalitätsdimensionen auf einer Skala von 1 bis 5 festlegen und gegen zwei Wettbewerber abgrenzen.
  3. Entwurf: Muss-Regeln, Terminologie-Startset und Beispieltexte in einem Dokument zusammenführen.
  4. Pilot: den Leitfaden an drei laufenden Texten testen und jede Regel streichen, die niemand anwendet.
  5. Rollout: Schulung, Werkzeugkonfiguration, Freigabeprozess und Reviewtermin im Kalender verankern.

Tonalität: Dimensionen statt Adjektivlisten

Tonalität braucht Endpunkte, nicht Beiwörter. Vier Dimensionen decken die meisten Fälle ab:

  • Formell bis locker: Sie-Form mit Nachnamen gegen Du-Form mit Vornamen.
  • Sachlich bis emotional: Zahlen und Belege gegen Bilder und Geschichten.
  • Knapp bis ausführlich: Telegrammstil gegen erklärende Absätze.
  • Fachlich bis allgemein: Fachterminologie gegen Alltagssprache.

Jede Dimension erhält eine Skala von 1 bis 5 und einen Zielwert je Kanal. Ein Technikhandbuch liegt bei 1 für Lockerheit und 4 für Fachlichkeit. Ein Social-Media-Post liegt bei 4 und 2. Diese Werte gehören in den Leitfaden, sonst bleibt die Vorgabe interpretationsfähig.

Prüfregeln ergänzen die Dimensionen. Bewährt haben sich maximal 15 Wörter pro Satz im Marketing und 25 in der Technik, eine Aktivquote über 80 Prozent und höchstens drei Glieder in Substantivketten.

Die Kontrolle läuft über ein Polaritätenprofil. Je 20 Sätze aus Bestand und Zielbild werden auf denselben Skalen eingeschätzt. Weicht die Wahrnehmung um mehr als einen Skalenpunkt ab, ist die Regel zu ungenau formuliert.

Redaktionsprozess, Rollen und Werkzeuge

Fünf Rollen tragen die Unternehmenssprache:

  • Language Owner: verantwortet Leitfaden, Budget und Reviewzyklus, meist in Kommunikation oder Markenführung.
  • Terminologie-Manager: pflegt die Datenbank und entscheidet über Benennungen.
  • Redaktionsleitung: plant Themen, vergibt Aufträge, prüft die Einhaltung.
  • Lektor: letzte Instanz vor der Veröffentlichung.
  • Sprachbotschafter: je Bereich eine Person, die Regeln in die Fachabteilung trägt.

Der Prozess läuft in sechs Stufen: Briefing, Entwurf, Fachfreigabe, Lektorat, Publikation, Rückmeldung. Jede Stufe hat eine Frist. Ohne Fristen wächst die Zahl der Freigaberunden, und der Leitfaden verliert an Gewicht. Wie digitale Kanäle diese Abläufe verändern, ordnet Bitkom e.V. unter dem Themenschwerpunkt Digitale Transformation ein.

Vier Werkzeugklassen sind üblich. Der Styleguide dokumentiert Regeln als Wiki oder PDF und wird halbjährlich gepflegt. Die Terminologiedatenbank führt Begriffe mit Definition, Status und Quelle. Translation-Memory-Systeme speichern Satzpaare für Übersetzungen. Textprüfwerkzeuge wie Acrolinx, LanguageTool, Congree oder Duden Mentor prüfen Regeln direkt im Editor. Entwicklungen bei Sprachtechnologie und KI-gestützter Textprüfung ordnet Bitkom e.V. unter Märkte und Technologien ein.

Entscheidend ist die Anbindung an das Content-Management-System. Regeln, die nur in einem PDF stehen, werden im Alltag nicht geprüft. Ein Pflichtfeld für Terminologie im CMS kostet wenig und wirkt unmittelbar.

Terminologiedatenbank: Felder, Status, Pflege

Ein Eintrag braucht mindestens sieben Felder: Benennung, Definition, Quelle, Status, Synonyme, Wortart, Kontextbeispiel. Hinzu kommen Sprache, Domäne und Ansprechpartner. Die Quelle ist Pflicht, weil sie bei Streitfällen entscheidet.

Vier Statuswerte genügen: freigegeben, in Prüfung, gesperrt, veraltet. Gesperrte Begriffe erscheinen in der Suche mit Warnung. So laufen alte Formulierungen nicht still weiter.

Der Pflegeaufwand ist kalkulierbar. Ein Eintrag kostet bei sauberer Recherche 5 bis 10 Minuten. 500 Einträge bedeuten 40 bis 80 Arbeitsstunden, verteilt über drei Monate.

Priorisiert wird nach Häufigkeit, rechtlichem Risiko und Übersetzungsvolumen. Produktnamen, Markennamen und juristische Formeln kommen zuerst. Vollständigkeit ist kein Ziel, die Datenbank wächst im Betrieb.

Beispielrechnung: Einführung in sechs Monaten

Angenommen wird ein Unternehmen mit 20 Redakteuren. Alle Beträge sind Nettowerte, die Umsatzsteuer steht in der Summe.

Position Aufwand Kosten netto
Textaudit und Ist-Analyse, extern 5 Tage 6.000 Euro
Konzeption und Leitfaden, 30 Seiten, extern 12 Tage 14.000 Euro
Terminologiedatenbank, 500 Einträge 60 Stunden 3.000 Euro
Prüfwerkzeug, 20 Lizenzen zu 30 Euro je Nutzer und Monat 12 Monate 7.200 Euro
Schulung, 4 Workshops 4 Tage 6.000 Euro
Summe erstes Jahr 36.200 Euro

Die Umsatzsteuer von 19 Prozent beträgt 6.878 Euro. Die Gesamtsumme liegt damit bei 43.078 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Ab dem zweiten Jahr bleiben rund 12.000 Euro netto für Lizenz und Redaktionspflege, also 14.280 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

Der Zeitplan folgt derselben Logik. Monat 1 bis 2: Audit und Konzept. Monat 3 bis 4: Leitfaden und Terminologie. Monat 5: Werkzeugkonfiguration und Pilot. Monat 6: Rollout und Schulung. Ab Monat 7 läuft der Quartalsreview.

Verankerung: Schulung, Anreize, Kennzahlen

Ein Leitfaden wirkt erst, wenn er im Arbeitsablauf auftaucht. Drei Hebel zählen.

Schulung: zwei Stunden im Onboarding und vier Workshops im ersten Halbjahr. Danach genügt eine Auffrischung von 60 Minuten pro Halbjahr. Bitkom e.V. bündelt seine Serviceangebote für Mitgliedsunternehmen an einer Stelle.

Anreize: Rückmeldung statt Sanktion. Wer nach dem Leitfaden arbeitet, spart Freigaberunden. Dieser Zeitgewinn ist der spürbarste Vorteil für Fachbereiche.

Kennzahlen: Terminologietrefferquote, Freigaberunden je Text, Bearbeitungszeit je 1.000 Wörter und Rückfragen aus den Fachbereichen. Sinkt die Zahl der Freigaberunden von drei auf eine, ist der Effekt belegt.

Der Reviewzyklus bringt alle Rollen halbjährlich an einen Tisch. Änderungen erhalten eine Versionsnummer und ein Datum, ersetzte Regeln wandern ins Archiv. So bleibt nachvollziehbar, warum eine Formulierung heute anders lautet als vor einem Jahr.

Häufige Fragen

Was kostet ein Sprachleitfaden?

Externe Agenturen berechnen für Konzeption und Text 8.000 bis 20.000 Euro netto, mit 19 Prozent Umsatzsteuer 9.520 bis 23.800 Euro. Inhouse kostet vor allem Arbeitszeit: 15 bis 25 Personentage über zwei bis drei Monate.

Wer sollte den Leitfaden verantworten?

Ein Language Owner in der Unternehmenskommunikation. Ohne Budget und Entscheidungsbefugnis bleibt die Rolle wirkungslos. Fachbereiche liefern Texte zu, entscheiden aber nicht über die Regeln.

Wie viele Begriffe gehören in die Terminologiedatenbank?

Zum Start 200 bis 500 Einträge. Maßgeblich sind Häufigkeit, rechtliches Risiko und Übersetzungsbedarf. Die Datenbank wächst im Betrieb und wird nicht vorab vervollständigt.

Wie oft muss der Leitfaden überarbeitet werden?

Halbjährlich für Regeln und Terminologie, zusätzlich bei Markenwechsel, Fusion oder neuem Produktportfolio. Jede Änderung bekommt Versionsnummer und Datum.

Woran erkennt man, dass Corporate Language wirkt?

An der Terminologietrefferquote, der Zahl der Freigaberunden und der Bearbeitungszeit je 1.000 Wörter. Sinkt die Freigaberunde von drei auf eine, ist das ein messbarer Beleg.

In diesem Leitfaden

  1. Leitfaden für einen Corporate Language GuideCorporate Language Guide erstellen: Inhalte, Format, Terminologiedatenbank, Freigabeprozess, Beispielkosten in Euro mit MwSt. und Werkzeuge im Überblick.
  2. Tonalität im B2B anhand von Schreibanlässen festlegenTonalität im B2B festlegen: konkrete Schreibanlässe, Tonstufen, Vorlagen, Prüfliste und Zeitaufwand in Stunden, belegt mit Bitkom, BVDW und DIHK.
  3. Wie formulieren technische Unternehmen Markensprache ohne Werbeaussagen?Markensprache technische Unternehmen: So wird aus Werbeaussagen belegbare Kommunikation mit Normen, Kennzahlen und einer Freigabe-Checkliste für jede Zeile.

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